1. September 2010

Leipziger Friedenspreis 2010 geht an "Medizin für Gambia"

"Lebendiges Kongo e.V." gratuliert dem diesjährigen Preisträger "Medizin für Gambia e.V." und dessen Vorsitzender Frau Ute Nitzsche mit größtem Respekt und Dankbarkeit für ihr Engagement. Lesen Sie hier noch einmal die bewegende Rede des Vorsitzenden von "Lebendiges Kongo e.V.", Dr. Dinanga Cingoma, anlässlich der Verleihung des Leipziger Friedenspreises am 01. September 2010 auf dem Nikolaikirchhof in Leipzig.

"Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist mir eine Ehre als ehemaliger und erster Friedenspreisträger heute zu Ihnen sprechen zu dürfen. Der heutige 01. September steht nicht nur in Leipzig, sondern in ganz Deutschland für Frieden. Doch was genau ist Frieden? Wo fängt Frieden an? Ist Frieden das größte Ziel, das die Menschheit haben kann oder kann er sogar bedeutungslos werden? Die Bedeutung dieses Begriffs birgt doch im Grunde eine gewisse Unklarheit, wenn nicht sogar eine gewisse Unschärfe. Frieden darf nicht beim Schweigen der Waffen aufhören: Frieden ist die Zeit des Lernens, Arbeitens und Lebens. Deshalb kann man sagen, ohne Frieden zu sein bedeutet, ohne Leben zu sein. Ein Kindersoldat im Krieg ist auf dreierlei Weise in Unfrieden: Er hat erstmal seine Eltern und Geschwister verloren. Oft genug mussten sie sogar mit ansehen, wie diese umgebracht wurden. Dadurch wird auf dramatische Art und Weise seine Kindheit beendet. Dann im Militärlager muss er schwer arbeiten wie ein Sklave und darf von Jedem nach Belieben schikaniert und gequält werden. Die Kämpfer lassen oft ihren Frust an den Kindern aus und reagieren sich an ihnen ab. Auch sexuell. Als Drittes muss er selbst auch anderen Menschen wehtun, auf sie schießen und sie töten. Nur so kann er selbst überleben. Ein Kindersoldat verliert aber nicht nur seine Persönlichkeit durch all diese schrecklichen Erlebnisse und seine eigenen schlimmen Taten. Er verliert auch seine Zukunft. Als Soldat wird er niemals eine andere Ausbildung als die des Tötens und des Hassens bekommen. So kann man mit Recht sagen, dass er sein Leben verloren hat. Neben dem Schmerz von Kindersoldaten gibt es leider noch mehr Schmerz von Frauen, die fast schon jeden Tag vergewaltigt werden. In den Bürgerkriegsgebieten Zentralafrikas spielt sich immer das gleiche Schema ab: Die Menschen leben in relativer Armut bis dann auch noch die Rebellen kommen und die Ernten rauben. Die Frauen, die die Felder bestellen, werden von ihnen vergewaltigt. Trauriger Höhepunkt ist der Überfall auf mehrere Dörfer im letzten Monat, der systematische Massenvergewaltigungen zum Ziel hatte. Mehr als 150 Frauen erlitten dieses Schicksal nach Attacken von Hutu-Milizen, die nach dem Ende des Bürgerkriegs aus Ruanda geflohen waren und seitdem im Kongo ihr Unwesen treiben. Mit dieser Barbarei im Ost-Kongo haben wir vergessen, was eine Frau ist, was eine Mutter ist. Wir alle kommen von der Frau, die uns das Leben geschenkt hat. Sie hat uns neun Monate getragen – in der Sonne, im Regen, bei der Arbeit. Aber überall vergewaltigen wir heute diese Frau, wir töten diese Frau. Wir sind alle schuldig: Wir sehen die Gewalt und sagen: Gott sei Dank, meine Mutter lebt noch! Das ist die Mutter der anderen. Doch Mutter ist Mutter! Wir müssen alle dafür eintreten, dass diese Gewalt gestoppt wird! Überall auf der Welt! Frieden: das bedeutet nicht nur, dass es keine Waffen und keinen Krieg gibt. Frieden bedeutet genug zu essen zu haben, arbeiten zu können und ganz besonders, eine medizinische Behandlung zu bekommen im Fall einer Krankheit. Frieden bedeutet auch das Familienleben mit Kind, mit Ehemann und Ehefrau. Eine Frau, die ihre Kinder in der Armee hat, ist nicht in Frieden. Eine vergewaltigte Frau hat für immer ihren Frieden verloren. Eine hungrige Familie ist nicht in Frieden. Ich habe schon in einigen meiner Artikel gesagt, dass die bessere Losung für Frieden der Begriff Arbeit sein sollte. Mit Arbeit hätten junge Männer keinen Grund zur Rebellion. Ein Familienvater tritt nicht in die Armee ein, wenn er einen guten Job hat. Armut und Arbeitslosigkeit ist immer der Grund für Unruhe und Unfrieden. Wir müssen in unserem Leben jeden Tag den Frieden versuchen und den Frieden bauen. Ich danke Ihnen."
Dr. Dinanga Cingoma - Vorsitzender Lebendiges Kongo e.V.